Regine Hildebrandt


Kämpferin mit Herz

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Dr. Regine Hildebrandt (1941–2001)

 

Regine Hildebrandt war eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Sie überzeugte durch ihre Glaubwürdigkeit, ihre Courage und ihren unermüdlichen Einsatz für die Schwächeren in unserer Gesellschaft. 

Regine Radischewski wird am 26. April 1941 in Berlin geboren. In ihrer Jugend schließt sie sich der Jungen Gemeinde der Evangelischen Kirche in Ostberlin an. Die Mitgliedschaft in der DDR-Staatsjugend, den Pionieren und der FDJ (Freie Deutsche Jugend) lehnt sie ab. Nach dem Abitur studiert sie an der Humboldt-Universität zu Berlin Biologie und arbeitet nach der Promotion in einem pharmakologischen Großbetrieb. 1966 heiratet sie Jörg Hildebrandt.

 

Etwas verändern wollen

 

1989 engagiert sich Regine Hildebrandt in der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“. Unmittelbar nach Gründung im Oktober 1989 tritt sie in die Sozialdemokratische Partei der DDR (SDP) ein, die sich später mit der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) vereinigt. Sie wird Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. Am 12. April 1990 tritt sie als Ministerin für Arbeit und Soziales in die Regierung de Maizière ein. Ende August 1990 legt sie das Amt nieder, nachdem die Koalition aus CDU, DSU, SPD und FDP an den Folgen der Auseinandersetzung um den Einigungsvertrag zerbricht.

 

Populärste Politikerin

 

1990 wird Regine Hildebrandt in den SPD-Parteivorstand gewählt, dem sie bis 2001 angehört – zuletzt immer mit dem besten Stimmergebnis. Im Oktober 1990 kandidiert sie erfolgreich für den neuen Brandenburger Landtag und wird Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen. Als die SPD 1999 eine Koalition mit der CDU eingeht, gibt sie das Ministeramt auf. Bleibend ist ihr Einfluss auf das 1996 gegründete Forum Ostdeutschland der SPD, das sie mitbegründete und prägte.

„Wir können uns stundenlang darüber unterhalten, dass in diesem System die Schwächeren ungerjebuttert werden, dit nützt jar nüscht – wir müssen wat dagegen tun!“

„Ich interessiere mich nicht für Politik, nur für Menschen und ihre Schicksale.“

„Ich will, dass nicht jeder nur in seiner Wohnung und vor seiner Tür kehrt, sondern auch im gemeinsamen Treppenhaus.“

„Vierzig Jahre Osten mit Meckern in der privaten Ecke und die Wende haben dazu geführt, dass man begriff, man kann nur etwas verändern, wenn man sich dafür einsetzt.“

 

Herz mit Schnauze

 

Regine Hildebrandts Auftritte und ihr soziales Engagement sind legendär, auch wenn ihr Kampf für Gerechtigkeit gelegentlich von schroffen Tönen begleitet wird. Zögerlichkeit mag sie gar nicht. Egal wie schwierig die vor ihr liegende Aufgabe ist, sie sagt: „Erzähl mir doch nich, dasset nicht jeht.“ Ihr Witz und ihre Schlagfertigkeit machen sie zur gesamtdeutschen Ikone, weil sie gleichzeitig überzeugte Bundesbürgerin und bekennende DDR-Frau ist.

Regine Hildebrandt hat kein Blatt vor den Mund genommen. Sie hat geradeheraus gesprochen und wurde zur „Beliebtesten Nervensäge Brandenburgs“ (Mitteldeutsche Allgemeine 23. Juli 1993). Eine Auswahl Ihrer Aussagen zu Ost-West-Unterschieden, zu sozialer Gerechtigkeit, Gleichstellung der Frauen und der Tagespolitik haben wir hier zusammengestellt.

 

Foto: Rainer Karchniwy

Begeisterte Familienfrau

 

„Mein Mann sagte früher immer zu mir, ich hätte einen Familientick. Und meine Schwiegereltern meinten: Gut, dass du berufstätig bist. Mehr Mutter würden die Kinder bestimmt nicht aushalten. Jetzt bin ich fast überhaupt nicht mehr zu Hause.“ (1991)

Wer durch den Bildband „Erinnern tut gut: Ein Familienalbum“ blättert, merkt schnell, dass Regine Hildebrandt eine liebevolle Mutter, Großmutter, Ehefrau und Familienfrau war. Basteln, Singen, Backen, Baden, Wandern – alles wurde mit den Kindern, mit Verwandten und Freunden zelebriert. 1999, drei Jahre nach ihrer Krebsdiagnose, schreibt sie den „Brief an meine Enkelkinder“. Weihnachtsfeiern bei den Hildebrandts sind gesellige und muntere Zusammentreffen. Und ihr ganz spezielles Frankfurter-Kranz-Rezept hat sie gerne mit allen geteilt.

 

Foto: Rainer Karchniwy

Kämpferin mit Herz

 

Sie ist eine „Kämpferin mit Herz“ (Buchtitel des Erinnerungsbandes von 2003) und es gelingt ihr, den Leuten klarzumachen, wie toll es ist, „dass wir die Diktatur weghaben“. Gleichzeitig gesteht sie, dass man auch bei der Demokratie manchmal kalte Füße kriegt. Sarkastisch konstatiert sie bald nach der Wende: „Heute können wir rausbrüllen, was wir wollen, aber es hört keiner zu.“

Hildebrandt bekam unter anderem 1997 die Goldene Henne und 2001 das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und den Fritz-Bauer-Preis der Humanistischen Union verliehen. Im Jahre 1991 war sie zu Deutschlands Frau des Jahres gewählt worden. Die Parteizentrale der SPD Brandenburg, der Regine-Hildebrandt-Park in Berlin-Hellersdorf sowie mehrere Seniorenzentren und Pflegeheime wurden nach ihr benannt. Regine-Hildebrandt-Schulen gibt es in Birkenwerder, Fürstenwalde/Spree und in Magdeburg.

Als sie 1996 schwer an Krebs erkrankt, sagt sie: „Entscheidend ist nicht die Länge des Lebens, sondern dass man sein Leben weiterführen kann, so wie man es für richtig hält.“

Regine Hildebrandt stirbt nach langer Krankheit am 26. November 2001 in Woltersdorf bei Berlin. In ihrem Kondolenzbuch steht der Eintrag: „Politik habe ich nicht verstanden, aber Sie habe ich verstanden.“

Seit 2002 wird jährlich der „Regine-Hildebrandt-Preis“ der deutschen Sozialdemokratie vergeben. Im Andenken an eine große Sozialdemokratin werden Personen oder gesellschaftliche Gruppen für ihre Verdienste bei der Herstellung der inneren Einheit Deutschlands und ihr herausragendes zivilgesellschaftliches Engagement ausgezeichnet.